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Category: News and Politics

Es geht nicht um die Wurst

Um den Faschismus in Deutschland zu verstehen ist damals vor bald hundert Jahren wie heute die Berücksichtigung eines ganz eigenartigen Triumvirats geradezu unabdingbar: Nämlich das seltsame Dreieck von Italien, Bayern und der USA. Obschon sich die Bedingungen veränderten und hier nicht von einer «einfachen» Wiederholung die Rede sein soll, verblieben die Wurzeln, aus welchen die Nazis entstanden und eine grossflächige - und versprochene - Denazifizierung scheiterte, da sie im Grunde auch nie wirklich angepackt wurde. So ist auch die Art und Weise, wie dieses Dreieck den gegenwärtigen Faschismus in Deutschland miterklären hilft, eine ganz andere als die vergangene. Hier soll es insbesondere um die Achse Italien-Bayern gehen.

Bevor die NSDAP sich durch Absicherung und Finanzierung durch das nationale Grossbürgertum, der Bankers und Industriellen sowie dem mittelständischen Pöbel - und ebenfalls mittels grosszügigen Spenden aus der Schweiz -, in Deutschland und daraufhin in Europa kriegerisch und genozidal austoben konnte, war ihr Spielplatz zunächst im schönen Bayern. Dies nicht nur aufgrund der mythischen Verklärung der Altstädte von Nürnberg und München und der Nähe zu Hitlers Geburtsstätte, sondern mindestens so sehr aus politischen Gründen. Oder anders und ehrlicher ausgedrückt: Es geht um Klassenkampf. Denn als die Revolution im November 1918 das deutsche Kaiserreich erfasste, zerbröckelte auch das Königreich Bayern: König Ludwig III. von Bayern floh als erster deutscher Monarch das sinkende Schiff und der Freistaat Bayern wurde - als Teil der neuen deutschen Republik - ausgerufen (zunächst war vor allem noch die Rede vom «Volksstaat Bayern», das bezeichnet allerdings dasselbe). Die Proteste und Demonstrationen der Soldaten und Arbeitenden die den König verjagten bildeten Sowjets (Räte) und unter der Führung Kurt Eisners der Unabhängigen SPD (USPD) wurde erster Ministerpräsident des neuen Bayerns. Kurz bevor dieser dann aber wenig später im Februar 1919 zurücktreten konnte, da die USPD keine grossen Wahlerfolge erzielt hatte, wurde er von einem erzreaktionären Burschen kaltblütig auf der Strasse ermordet. Im März wurde eine gemässigtere Regierung gegründet, die dann im April aber gezwungen wurde aus München zu fliehen, da Anarchist:innen und Kommunist:innen die Räterepublik proklamierten und die Macht in den Händen der Sowjets sehen wollten. Doch die Regierung in Berlin unter dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert, der schon für die brutalen Lynchmorde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie zahlreichen weiteren Revolutionären mitverantwortlich gemacht werden kann, wollte auch in Bayern nur eine verkürzte Revolution, weshalb das deutsche Militär zusammen mit protofaschistischen Freikorps die Räterepublik zertrampelten. Tausende Menschen wurden im Zuge dieser Repression entweder inhaftiert, zum Tode verurteilt oder direkt auf der Stelle exekutiert. Bis an diesen Punkt scheint die Geschichte Bayerns genauso wie jene der anderen deutschen Länder, denn überall ereilten die Revolutionäre dasselbe Schicksal, nicht nur in München und Berlin. Doch der gescheiterte Versuch der Konterrevolution in Form des protofaschistischen Kapp-Putsches, der von München aus die ganze Revolution wieder hätte rückgängig machen sollen, stellt einen ganz eigenartigen Bruch dar. Den obwohl der Putsch mislang wurde in dessen Zuge die bayerische Regierung durch eine reaktionäre ersetzt, welche sich nicht gross um die Republik, die Verfassung oder Befehle aus Berlin kümmerte und stattdessen überall Bolschewismus witterte. Es waren Konservative, Reaktionäre, Republikfeindliche Politiker und Militärs, die die Bedingungen in Bayern erschufen, die dem Gedeihen des Nazismus verhalfen. In Bayern konnte sich diese ohne Angst vor staatlicher Verfolgung im Strassenkampf erproben, Angriffe auf Kommunist:innen verüben, Menschen einschüchtern und gar ermorden. Für die Nazis war so ziemlich alles erlaubt. Gerade diese Orientierung des behutsamen Pflegens, das Dasein als Geburtshelferin des Faschismus ist selber der Anfang der modernen Christdemokratie in Deutschland.

Und heute, wohl wissend dass die CSU kaum Sozialdemokrat:innen oder Grüne überzeugen kann, versucht das Maskottchen des Bierkonsums und Bluthochdrucks, Markus Söder, sich unter den Wähler:innen der AfD beliebt zu machen in dem er deren aus Italien importierten Gastronationalismus übernimmt und um ein Vielfaches aufbläst. Gerne zeigt er sich mit Würsten aller Art, mit Brezel, Spargeln an Weisser Sauce und sonstiger deftiger bayerischer Hausmannskost. Ganz irrelevant, ob Söder inzwischen seine Ernährung ein wenig umstellte, ist klar, Ideologie geht durch den Magen. Italien weiss das schon länger. Etwa seit 40 Jahren, als zeitgleich mit den Anni di piombo, den «bleiernen Jahren», die italienische Küche konstruiert wurde. Der Gastronationalismus der sich tyrannisch auf die fiktive Tradition versteift, stellt vor allem tierische Produkte, besonders das Fleisch ins Zentrum ihres Marketings. Als sei die Nahrungsmitteleinnahme, das grosse Menschheitsproblem die Bäuche irgendwie zu füllen nicht etwas, was Konjunktur, Geschmack und sonstigen Veränderungen abhängig ist. Dinge wie Butter und Fleisch oder auch gefüllte Teigwaren wurden vielerorts erst durch Massentierhaltung und deren verwaltete Tötungsmaschinerie, sowie der industrialisierten Landwirtschaft zur Massenware, die es im Überfluss gibt. Somit hatte es auch im primitivsten Sinne des Wortes «ökonomische» Gründe, alles vom Tier irgendwie zu verwenden und keine moralischen, ganz nach Brecht kommt zuerst das Fressen und dann die Moral. Wie ein Wein durch das Etikett und was darauf steht, verfeinert wird, wird das verzehrte Fleisch durch die Tradition, die Ideologie überhaupt erst so richtig geniessbar. So gehört inzwischen zu einer prächtigen Weisswurst eine gute Prise Faschismus, sonst schmeckts hald nicht.

Aber wer kann das den Deutschen bitte verübeln? Wenn schon die eigene Fussballmannschaft nicht mehr so brilliert, was darf die Nation dann überhaupt noch ungeniert feiern? Etwa diese schreckliche Führerfigur, dieses Würstchen Friedrich Merz? Dann doch lieber eine richtige Wurst.

Möge die Ideologie der braunen Scheisse auch noch möglichst lange nähren und die gierigen Bäuche sättigen, da die Befürchtung wohl begründet scheint, dass bald der echte Hunger zurückzukehren droht. Na dann also Mahlzeit!


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